fotohistoryschweiz - die Geschichte der Fotobranche in der Schweiz

«Et Niehkörvge» oder so einer eine Reise tut...

…dann lernt er auch Sprachen kennen. «Et Niehkörvge» ist nun nicht etwa holländisch oder vlämisch, aber ... alt Kölnisch und was es für eine Bewandtnis damit hat, wird sich im Verlauf dieses Berichtes ergeben. Dabei war es nicht etwa nur einer, sondern die beiden Erfagruppen mit ihren Damen, ergänzt durch einige Zuzüger, unter denen sich auch unser Verbandspräsident, Herr C. Hadorn, befand, die sich aufgemacht hatten um die Kölner Photo-Kino-Messe vom 6. bis 14. Mai 1950 zu besuchen, sich Rechenschaft zu geben über die Anstrengungen der deutschen Industrie im Photo-Kino-Sektor, Fühlung zu nehmen auch mit dem Ausland, wie das dann mit holländischen und schwedischen Händlern geschah.

Nachdem freundliche Kollegen vorgearbeitet hatten, hiess es schliesslich: Kurze Sammlung der Reiseteilnehmer im Auto am deutschen Zoll von Basel, Besprechung gemeinsamer Haltepunkte, unterwegs aber freie Fahrt. Etappenziel für Samstag, den 6. Mai, war Assmannshausen am Rhein. So installierten wir uns in den zugeteilten Wagen, verschrieben uns dem guten Glück des Fahrers, ausgerüstet mit Pass, interalliiertem Visum und wohl gezählten DM 40.- pro Person nebst etlichem Schweizergeld oder Dollars. Beim Überschreiten der Grenze wartete bereits die erste freudige Überraschung auf uns, respektive auf Herrn «M», unsern Reisemanager. Er hatte sich, in Voraussicht der Dinge, die er auf seiner noch weiter nach Norden vorgesehenen Fahrt zu sehen bekäme, mit etlichem Material für Photo- und Kino-Aufnahmen ausgerüstet. Dieses deutsche Aufnahmematerial durfte der Glückliche gleich beim Eintritt nach Deutschland verzollen, was ihn wertvolle 12.- DM kostete und ihm noch manche Sorgen bereitete.

Vorbei ging’s nun an blühenden Bäumen und saftigen Wiesen mehr oder weniger dem Rhein entlang über Freiburg, Offenburg nach Karlsruhe, wo die Mittagsrast vorgesehen war. Weitherum. bemerkte man noch immer die Spuren des Kriegsgeschehens und die Trümmer beeindruckten uns sehr. Nach einem guten Mittagsmahl hiess es die Autobahn zu versuchen, die uns dann in gesteigertem Tempo bis in die Nähe von Frankfurt a. M. brachte, wobei wir vor Mannheim einen Abstecher nach Heidelberg, der alten trinkfrohen Universitätsstadt machten, um dort auf dem Parkplatz vor dem Schloss überraschend auf einen Berner- und einen Basierwagen zu stossen, denen wir kurzerhand Zettel unter den Scheibenwischer stiessen mit dem Text: «Rendez-vous im Roten Ochsen, der Schweizerstudenten-Stammbude», wo wir dann richtig innert kürzester Zeit die Equippen von 4 Autos beisammen hatten und uns nebst Bier und Wein an den vielen Eintragungen im Gästebuch erlabten. Oh selige frohe Studentenzeit!

Dann wurde wiederum auf normale Strassen übergeleitet und über Mainz nach Assmannshausen gepeilt, das auf der Autokarte nicht zu finden war, aber vis-à-vis von Bingen liegen sollte. Schon ging es dem Abend entgegen und vorsichtshalber erging in Mainz die Anfrage an einen Polizisten, ob sich die Rheinbrücke bei Bingen in Ordnung befinde. Er meinte treuherzig, diese Brücke sei bereits wieder in Stand gestellt, es gäbe auch eine Fähre. Also weiter in den Abend hinein. Kurz vor Bingen sind betrübliche Reste einer Brücke sichtbar, aber keine Möglichkeit hinüber zu kommen. Also auf zur Fähre, die wir nach etlichem Suchen auch finden. Es sei für heute die letzte Überfahrt und gerade noch Platz für ein Auto. Gott sei Dank entfuhr es uns, und hinauf mit dem Wagen, worauf bald die Überfahrt begann, vorbei an den vielen im Fluss ankernden Kähnen und Schleppern, den blinkenden Lichtern des ändern Ufers entgegen. Nach kurzen 10 Minuten war Assmannshausen erreicht und das Hotel bezogen. Ein gutes Haus, diese Krone. Aber es scheint uns, dass nicht nur die schweizerischen Hoteliers gute Preise haben. Doch das Essen und der Moselwein waren famos.

Da wir inzwischen sämtliche Gelegenheiten verpasst hatten, unser Schweizergeld in Deutsche Mark umzuwechseln, es war ja Samstagnachmittag und jetzt Nacht geworden, und die Umwechslung nur durch amtlich beglaubigte Stellen erfolgen durfte, spielte die Preisfrage für uns eine besondere Rolle. Vom Sonntag hatten wir auch nichts zu erwarten. Da hiess es plötzlich genau zu planen mit den verbliebenen Mark.

Der schönste Teil der Fahrt folgte am Sonntag, wo wir in ruhigem Tempo der malerischen Strecke des Rheins folgten, vorbei an Burgen, Weinbergen, Dörfern und uralten Städtchen bis hinunter nach Koblenz und von dort nach der nächsten kleinen Stadt Vallendar, wo wir auf der Humboldshöhe unsere Mittags Verpflegung einnahmen. Wiederum grosse Debatten und Zählung des DM-Bestandes. Wenn wir alles zusammenlegen, scheint es gerade zu reichen. Es geht, und befriedigt rollen wir weiter. Nächster Aufenthalt ist der weltberühmt gewordene Rheinübergang bei Remagen, wo wir uns von einer Frau schildern lassen, wie es damals zuging. Nun vorbei an unendlich vielen Schleppdampfern und Schleppkähnen, die wie viele Lastwagenzüge auf der Strasse, ebenfalls am Sonntag fahren. Eines unserer Autos sichtet sogar ein aufgefahrenes Schweizerschiff, das aber wieder abgeschleppt werden kann. Flaggen aller Nationen sind sichtbar, recht häufig auch unser gutes treues Schweizerkreuz. Immer weiter bis Bonn, der neuerdings berühmten Stadt und dann folgt endlich Köln, wo wir Sonntagabend eintreffen und uns gleich nach dem Hotel erkundigen, dessen Namen wir aber kaum verstehen und das Hotel erst nach mehrmaligem Durchfahren der Strasse endlich entdecken. In liebenswürdiger Weise hatte uns die Agfa A. G. in Köln Hotelzimmer reservieren lassen.

Köln ist furchtbar zerstört und noch viele Häuser nicht wieder aufgebaut. Überall aber wird gearbeitet und das Leben geht seinen Gang. Die Kölner spazieren, es ist ja Sonntag, durch die zerstörten Hauptstrassen so dicht, dass wir kaum durchkommen. Da und dort sind wunderschöne Läden entstanden und insbesondere beachten wir neben Lebensmittelläden solche der Luxusbranche, wie Photo-, Kino-, Pelzläden. Diese Branchen scheinen mit Stoffen zusammen den grössten Unternehmungsgeist zu besitzen. Aber Hotels sind rar. Wir suchen also unser Hotel «zum Nähkörbchen», eben «et Niehkörvge» und stellen mit Vergnügen fest, dass das kleine Hotel, besonders vom Hoteleingang auf der Rückseite aus gesehen, wohl bescheiden präsentiert, aber einer ganzen Anzahl Gäste Platz bietet. Es ist vollständig neu aufgebaut und steht inmitten von Ruinen. Es liegt nur 5 Minuten vom Dom. Also endlich für ein paar Tage daheim.

Treffpunkt Sonntagabend ist das Hotel Exzelsior in Köln, wo die vielen Photohändler aus ganz Deutschland und den angrenzenden Staaten einen Festabend mit Bankett angesagt haben. Es ist wie gesagt Sonntag und keine Gelegenheit, Geld zu wechseln. Der eine hat noch 5, der andere 2 DM, ein anderer überhaupt nichts mehr und mit diesem Geld sollen wir mit unsern Damen in das grosse Hotel gehen. Wir tun es gleichwohl und hoffen jemanden zu finden, der uns mit DM aushelfen kann. Richtig, das erste Opfer ist Herr Petraglio aus Biel, der unserem Erfa-Obmann 200 DM leiht zuhanden seiner Kollegen. Wir fühlen uns vorerst gesichert. Wie dann aber im Laufe des Bankettes durchsickert, dass dasselbe etwa 12 bis 13 DM koste und wir auch dem Moselwein nicht übel zugesprochen hatten, wurde uns wiederum Angst und Bang. Die Reserve reichte ja schon nicht mehr für die ganze Gruppe der Abgebrannten. Also machte sich der Berichterstatter auf, das nächste Opfer zu suchen und fand es in der Person des Herrn Herbert Klett, der uns schon am Anfang im Namen der Agfa freundlich willkommen geheissen hatte. Und hier fiel uns nun ein gewaltiger Stein vom Herzen, denn Herr Klett erklärte uns lächelnd und liebenswürdig, heute Abend würden wir keine DM mehr brauchen. Wir Schweizer seien an diesem Abend Gäste der Agfa. Nun stieg unser Stimmungsbarometer ganz beträchtlich. Vielen Dank noch einmal für diese freundliche Einladung.

Am Montagmorgen ging’s dann beizeiten in die grossen Ausstellungshallen, die vormittags für die Einkäufer reserviert waren und nun galt es nur noch zu schauen und sich zu wundern über das riesige Angebot an Photoapparaten, von der Kleinbildkamera in den verschiedensten Ausführungen bis zur Linhof-Technika und grössten Reproduktionskamera. Es ist praktisch nicht möglich, all das im Einzelnen zu erläutern. Sehr viel Fachmaterial, wie Kopierapparate mit und ohne elektrische Abtastung, Trockentrommeln, Wässerungseinrichtungen, Tankanlagen, automatische Entwicklungsanlagen, Blitzlichtgeräte, Fotokopiermaschinen und Reproduktionsgeräte grössten Ausmasses, eine Voigtländerkamera mit einem Weitwinkelobjektiv von fantastischem Bildwinkel, Vergrösserungsapparate für Amateure und vor allem Fachgeschäfte, raffinierte Geräte der Agfa für den Farbenkopierprozess und Farbenvergrösserungen. Selbstverständlich zeigen auch Leitz Wetzlar und Zeiss-Ikon Stuttgart neben der Firma Berning die vollständige Liste ihrer Schöpfungen, wie auch Kodak und Franke und Heidecke, deren reichhaltige Stände Anziehungsvermögen besitzen. Der Leitz-Vergrösserungsautomat, der sitzend mit schräger Arbeitsfläche und Fusspedal bedient wird, wurde bestaunt. Nicht vergessen seien auch die wichtigen Negativ- und Positivmaterialfabrikanten, wobei die Schau der Agfa fantastische Ausmasse zeigte. Blickfangfiguren für das Schaufenster, Hilfsmittel für die Beschriftung, Taschen, Rähmchen sind vertreten. Projektionsgeräte, Projektionsstoffe, Betrachter, elektrische Belichtungsmesser altbewährter Firmen in neuer Form. Kurzum, es war eine prächtige Schau deutscher Leistungsfähigkeit und das umso überwältigender, da es inmitten von Ruinen gezeigt wurde.

Zum Lunch waren wir am Montag wiederum von der Agfa nach Leverkusen eingeladen, wo alle Betriebe auf vollen Touren laufen und der Achtstundentag kaum existiert, sodass wir uns darauf beschränken mussten, vom grossen Verwaltungsgebäude aus einen Überblick über die riesigen Werkanlagen zu gewinnen. Schöne Parkanlagen laden die Werkangehörigen zur Ausspannung ein und saubere Kantinenräume stehen bereit für die Verpflegung. Ein Meer von Hochkaminen, gewaltige Werkhallen auf dem Raum einer kleinen Stadt, hohe Fabrikgebäude, das ist das Werk Leverkusen. Wir danken hier nochmals im Namen der Teilnehmer der Agfa, sowie insbesondere Herrn Direktor Ahrens, der die beiden Anlässe organisierte und uns Schweizer willkommen hiess und gastfrei hielt. Seine Ansprache wurde an Ort und Stelle bereits vom Präsidenten des Schweiz. Verbandes für Photo-Handel und -Gewerbe, Herrn C. Hadorn, in wohlgesetzten Worten verdankt und vom Präsidenten der Erfagruppe I, Herrn M. Saager, in humorvoller Darstellung unserer DM-Beschwernisse auf der Fahrt nach Köln ergänzt.

Dienstag und Mittwoch blieben nochmals weitern Besuchen der Messe vorbehalten. Ein wichtiges Ereignis möchten wir aber nicht unterlassen zu melden. Den schon seit längerer Zeit unternommenen Bemühungen unseres Erfapräsidenten, Herrn Saager, war es schlussendlich unter Mithilfe einiger deutscher Fabrikanten gelungen, die deutschen Lieferanten, insbesondere der Firmen Agfa, Berning, Franke und Heidecke, Kodak, Leitz, Voigtländer und Zeiss-Ikon, zu einer Aussprache mit den Schweizer Photohändlern zu vereinigen, trotz grosser Zeitnot infolge der Messebeanspruchung. Diese offene Aussprache zwischen Lieferanten und Händlern galt dem Thema der Diskrepanz der Preise in Deutschland und in der Schweiz. Alle Teilnehmer waren sich darüber einig, dass hier etwas geschehen müsse. Wir werden über das Ergebnis der Aussprache unter den deutschen Fabrikanten selbst auf dem Laufenden gehalten werden. Wir sind überzeugt, dass das dieser privaten Initiative entspringende Ergebnis dem gesamten schweizerischen Photohandel Nutzen bringen wird.

Dann begannen sich die einzelnen Gruppen auf getrennter Bahn wieder heimwärts zu bewegen, wobei die einen sich nach Düsseldorf, die ändern gar nach Antwerpen wandten, um, wenn schon einmal so weit nach Norden geraten, auch noch Einblick in das Leben und Treiben des drittgrössten Hafens der Welt zu nehmen. Dass dieser Hafen für uns Binnenland Schweiz eine grosse Rolle spielt und seine Adern bis in den Rheinhafen Basel reichen, ist uns ja wohl bekannt. Andere Gruppen sollen auf der Heimfahrt wiederum ohne direkte Verabredung sich nochmals in Heidelberg getroffen haben.

Der Berichterstatter aber landete mit seiner Reisegruppe und seinem bewährten Autoführer, Herrn G. Gross, von Basel direkt in Solothurn, wo am Samstagmorgen unsere eigene kleine Photo-Kino-Messe durch den Verbandspräsidenten, Herrn C. Hadorn, unter Assistenz einer grossen Zahl von geladenen Gästen und recht vielen schweizerischen Photohändlern eröffnet wurde. Und am Nachmittag gab's schon wieder Sitzungen.

Alle Reisegefährten nach Köln sind, wie in Solothurn festgestellt werden konnte, heil und gesund und restlos befriedigt zurückgekehrt. Wir haben uns in Köln, so zirka dreissig Personen stark, gut zusammengeschlossen und hoffentlich wird auch eine schöne Anzahl Photos uns noch lange die Erinnerung an diese schönen Tage und Stunden, die von keinem Tropfen Regen getrübt wurden, wach halten.                                                            Tru.

 

Fotoalbum am 11. März 2009 von Hans Peyer erhalten.

Heiri Mächler