fotohistoryschweiz - die Geschichte der Fotobranche in der Schweiz

150 Jahre Fotografie Peter Schmid

Dr E Schloemann 1951

Rückblick Von Dr. E. Schloemann 1951

 

Es sind die alten Träume der Menschheit: - das Vergängliche, das dem Auge wieder Enteilende zu bannen und zu bewahren, das Geheimnisvolle, Unbekannte sichtbar und begreiflich zu machen. Die Photographie hat diese Sehnsucht erfüllt, die Photographie, dieser einfach scheinende Vorgang, dieses zugleich soweit verästelte Gebilde, an dessen Zustandekommen und stetiger Entwicklung zahlreiche Menschen aller Kulturnationen gewirkt haben.

 

Das Bestreben des Menschen, sich Abbilder seiner Umwelt zu beschaffen, reicht bis in das graue Altertum zurück. Altägyptische Darstellungen an Grabwänden sind von hier aus gesehen ebenso treffende Beispiele wie die zahlreichen, in Museen erhaltenen Darstellungen von Götterkämpfen an den Tempelfriesen der Antike. Die viele tausend Jahre alte Kunst der Chinesen , mit Hilfe des Lichtes Figuren auf weißem Pergament erscheinen zu lassen und diese Schattenbilder zu einem bewegten Spiel zu gestalten, sind, historisch gesehen, Vorläufer der Laternamagica und des Lebensrades aus unseren Kindertagen sowie des Theaterfilms der Jetztzeit.

 

Die erste Erkenntnis, dass Tageslicht infolge chemischer Einwirkung sichtbare Spuren hinterlassen kann, ergab sich aus Beobachtungen der griechischen Philosophen Aristoteles und Epikur. Weitere Spuren lassen sich in den verworrenen, meist spekulativen Vorstellungen der Alchimisten verfolgen, die im Mittelalter dem Einfluss der Sonne auf ihre Versuche, aus unedlen Metallen Gold herzustellen, eine grosse Bedeutung zuschrieben. Die Veränderungen der Silbersalze im Licht wurden bereits von Albertus Magnus (1193-1280) beobachtet, ohne dass dieser "Doctor universalis" die Ursache der Verfärbungen richtig zu deuten in der Lage war.

 

Mehrere Jahrhunderte sind nun zu überspringen, wenn wir die weiteren wichtigsten Etappen im Werden der Photographie nennen wollen. Der deutsche Arzt J. H. Schulze stellte 1727 die Lichtempfindlichkeit der Silbersalze einwandfrei fest. Aber erst ein Jahrhundert später, in jener denkwürdigen Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften am 19. April 1839, konnten der aufhorchenden Welt die ersten gelungenen photographischen Aufnahmen des französischen Kunstmalers L.M. Daguerre vorgeführt werden. Daguerre gilt als der eigentliche Erfinder der Photographie, weil es ihm, auf die etwa ein Jahrzehnt älteren Versuche seines Landsmannes J. N. 'Niepce zurückgreifend, als erstem gelang, das durch Licht auf einer Silbersalz-Schicht erzeugte latente Bild durch Hervorrufung sichtbar zu machen. Hierdurch war das Prinzip der photographischen Arbeitsweise bis auf den heutigen Tag festgelegt.

 

Die durch Belichten jodierter Silberplatten und durch Entwicklung mit Quecksilberdämpfen entstandenen "Daguerreotypien" lagen hauchdünn und leicht verwischbar auf spiegelnder Silberfläche. Sie waren nicht retuschierbar und nicht zu kopieren, und doch rechnen sie auch heute noch zu den reizvollsten Ergebnissen photographischer Arbeiten, die wir unter unseren wertvollen Familien­ Erinnerungen aufbewahren. Zu einer vervielfältigenden Kunst wurde die Photographie aber erst in der Hand des englischen Physikers W F. Talbot, der kurz nach dem Bekanntwerden der Daguerreotypien sein Verfahren zur Herstellung kopierbarer Papiernegative veröffentlichte. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, dass der schottische Maler D. 0. Hill unter Verwendung dieser scheinbaren "Talbotypien" um 1840 seine Porträtbilder geschaffen hat, die auch heute noch mit an die Spitze aller lichtbildnerischen Leistungen gestellt werden. Die Fixierung des photographischen Bildes gelang zu dieser Zeit nur unter größten Schwierigkeiten, bis erst später J. F. Herschel auf das heute noch gebräuchliche Natriumthiosulfat (Fixiersalz) hinwies.

 

Doch alle diese photographischen Silbersalzschichten der Frühzeit waren gegenüber dem grünen, gelben und roten Licht blind, und es ist das große Verdienst des deutschen Professors H. W. Vogel durch die Entdeckung gewisser Farbstoffe den Weg zur "optischen Sensibilisierung" der photographischen Schichten für alle Strahlen des sichtbaren Spektrums gezeigt zu haben (1873). Hierdurch erst waren die Tore zur heutigen Farbenphotographie geöffnet.

 

Nicht minder wichtig war die wissenschaftliche Rechenarbeit des Wieners Josef Petzval (1840), dessen berühmt gewordenes Objektiv sechszehnmal lichtstärker war als die bislang üblichen, und das der Optiker Voigtländer ihm baute (1841).

 

Aber es würde den hier zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten, wollten wir den von den ersten Pionierarbeiten bis heute ununterbrochen fortschreitenden Ausbau der Cameras, Objektive, Verschlüsse, Sucher, der Spiegelreflexeinrichtungen bis zum Photoautomaten beschreiben. Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, dass der erste Vorläufer der von 0. Barnack im Jahre 1914 erstmalig konstruierten Leica die Cameraobscura war, die Leonardo da Vinci (1452-1519) zugeschrieben wird. Die Phokina 1950 veranschaulichte überzeugend, wie weit Rechner, Erfinder und Ingenieure den Camerabau seit jenen weit zurückliegenden Tagen bis heute gefördert haben.

 

Gradlinig lässt sich durch den Lauf des zurückliegenden Jahrhunderts auch die Entwicklung der Träger für die lichtempfindlichen Schichten verfolgen. Auf die bereits erwähnten jodierten Silberplatten Daguerres und die Papiernegative Talbots folgte das mit Glasplatten arbeitende nasse Kollodiumverfahren, das auf die Arbeiten des Engländers F.S. Archer (1851) zurückgeht und jahrzehntelang die photographische Praxis beherrschte. Die photographische Trockenplatte führte der englische Arzt R. L. Maddox ein (1871), und der Gedanke, den durchsichtigen, leichten und unzerbrechlichen Film, wie wir ihn heute kennen, als Schichtträger zu verwenden, stammt von dem amerikanischen Geistlichen H. Goodwin (1887) und wurde später von der Eastman Kodak Company fabrikatorisch erstmalig in die Tat umgesetzt.

 

Aus einer Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung der Photographie in natürlichen ':Farben erhellt gleichfalls, dass auch auf diesem, erst in jüngster Zeit zu einem gewissen Abschluss gekommenen Sondergebiet Erfinder und Unternehmer aus allen Ländern ihren Beitrag geliefert haben. Nach der Dreifarbenlehre von Young­ Helmholtz werden für das normale Farbsehen drei verschieden reizbare Teile des menschlichen Auges angenommen, von denen je einer auf rotes, grünes und blaues Licht anspricht, so dass alle in der Natur vorkommenden Farben durch entsprechende Erregung des Auges wahrgenommen werden können.

 

Diese Grundanschauung lag den Überlegungen fast aller Erfinder der verschiedenen Methoden der Farbenphotagraphie zu Grunde, indem sie folgerten, dass sich durch Mischen der drei Grundfarben in allen möglichen Helligkeitsverhältnissen auch alle in der Natur auftretenden Farben wiedergeben lassen müssen. Nach der additiven Methode erhielt bereits der deutsche Professor. A. Miethe um 1900 sehr brauchbare naturfarbige Projektionsbilder, schufen die französischen Industiellen. A. und L. Lumiere die Autochrom-Kontrasterplatte (um 1910) und wurde die Fachwelt durch das Linsen­ rasterverfahren überrascht, das in seinen Grundlagen von dem Deutschen J. R. E. Liesegang 1896 angegeben, von R. Berthon seit 1908 theoretisch und praktisch bearbeitet und von den Gesellschaften Keller- Dorian und Berthon- Siemens ausgeführt wurde (um 1935). Die subtraktiven Methoden der Farbenphotographie suchten bekanntlich ihr Vorbild in den farbigen Illustrationsdrucken und wurden für den Theaterfilm durch das amerikanische Technicolor-Verfahren (seit 1933) und für das Aufsichtsbild durch das bereits erwähnte Duxochrom-'Verfahren neben sehr vielen anderen Lösungen durchgeführt, ohne dass jedoch der Weg einer universellen Anwendbarkeit gefunden wurde. Ein deutlicher Schritt auf diesem Wege voran war erst erkennbar, als man unter Vermeidung aller physikalischen und apparativen Hilfsmittel die "chromogene", d. h. die farbstofferzeugende, Entwicklung heranzog. Es ist das grosse Verdienst des deutschen Chemikers R. Fischer, bereits 1911 die Grundlagen zur Ausführung der Farbenphotographie nach diesem Prinzip festgelegt zu haben. Ein weiteres Menschenalter sollte darüber hinweggehen, bis Fischers Pionierarbeiten um 1935 durch zwei amerikanische Amateure Mannes und Godowski , später in Gemeinschaft mit der Eastman Kodak Company und fast gleichzeitig durch die Filmfabrik der Agfa in Wolfen,•Kr. Bitterfeld, wieder aufgenommen und erfolgreich durchgeführt wurden.

 

Nach den grossen Erfolgen des .Agfacolor-Umkehrfilms hat die Agfa kurz vor und während des zweiten Weltkrieges auch das Agfacolor -Negativ-Positiv­ Verfahren in Angriff genommen, dessen Zielsetzung möglichst vereinfachte farbige Kopier-und Vergrösserungsverfahren bei universeller Anwendbarkeit waren, wie sie der farbige Theaterfilm und das farbige Papierbild erfordern. Die Phokina 1950 hat gezeigt, dass dieses Ziel erreicht ist.

 

Die Entdeckung der optischen Sensibilisatoren durch H. W. Vogel (1873) und .das Erscheinen des Mehrschichten -Farbfilms (1936), auf der Grundlage der Arbeiten R. Fischers, darf man somit als die beiden bewegenden Elemente in der universell anwendbaren Farbenphotographie betrachten, die heute im Agfacolor-Verfahren ihre praktische Lösung gefunden hat. Es gibt bereits heute echte Dominien der Farbenphotographie, von denen wir auf der Phokina überzeugende Beispiele in den Bereichen der Wissenschaft, des Unterrichts, der Medizin und der Technik sahen.

 

Die Kinematographie hat eine ähnliche internationale Geschichte. Sie ist das Endglied einer langen Erfahrungsreihe, die sich von dem "stroboskopischen Effekt“ herleitet, was zu beachten ist.

 

Hierunter versteht man eine durch die „Nachbildwirkung" des menschlichen Auges hervorgerufene Sinnestäuschung. Sie beruht darauf, dass ein von der Netzhaut des Auges empfangener Bildeindruck nicht so rasch wieder verschwindet wie das Bild selbst, sondern etwa noch 1/20 bis 1/2 Sekunde länger haften bleibt. Zerlegt man daher einen Bewegungsvorgang, der eine Sekunde dauert, in etwa 16 gleiche Bewegungsphasen und lässt deren einzelne Bilder derart schnell aufeinanderfolgen, dass auf den vom Auge festgehaltenen Bildeindruck bereits das nächste Bild fällt, so vermischen sich beide Bildeindrücke und der Vorgang erscheint dem Auge als eine zusammenhängende Bewegung.

 

Dieser Effekt war bereits dem im zweiten Jahrhundert nach Christus in Alexandria lebenden ägyptischen Astronomen Claudius Ptolomäus bekannt und liegt einer Reihe von Spielzeugen, wie dem Thaumaskop, dem Stroboskop u. a. m. zugrunde. Der Österreicher Simon Stampf und der Belgier Joseph Platen entwickelten um 1830 unabhängig voneinander das "Lebensrad", während der Deutsche Max Skladanowsky einen "Taschenkinematographen" herstellte, der die Phasen des aus einzelnen, gezeichneten Bildern bestehenden Bewegungsablaufs buchförmig vereinigte, so dass beim Durchblättern der Eindruck beweglicher Vorgänge entstand. Der Amerikaner Edward James Muybridge und der Deutsche Ottomar Anschütz fertigten zwischen 1880 und 1890 Reihenbilder auf Platten an, und zwar mit Hilfe einer Vereinigung von 20 und mehr nebeneinander aufgestellter Cameras. Diese Platten wurden in den von Siemens & Halske in Berlin serienmässig erzeugten Tachyskopen seit dem Jahre 1887 vorgeführt.

 

So ging es schrittweise und in vielen Kulturländern aufflackernd weiter. Aber es fehlte noch das Entscheidende, der schmiegsame Film, das abrollende Zelluloidband. Wir wissen, dass Eastman, der Begründer der Kodakwerke, ihn herausbrachte, und ein anderer vielseitiger Amerikaner, Thomas .A. Edison, reichte 1891 ein Patent auf eine Aufnahme- Camera unter Verwendung perforierter Zelluloidbänder ein. Allerdings war sein Vorführgerät nur von einem Betrachter zu benutzen, während die deutschen Brüder Max und Eugen Skladanowsky um 1895 im Berliner Wintergarten "Lebende Photographien" vorführten, bei denen die Bilder zweier getrennter Filmbänder mittels zweier Projektoren auf die Leinwand geworfen wurden. Die wirkliche Lösung blieb den Franzosen August und Louis Lumiere in Lyon vorbehalten, die 1895 Apparaturen zur Aufnahme, zum Kopieren und auch zur Vorführung beweglicher photographischer Bilder durch ein mittels Greifvorrichtung ruckweise fortbewegtes Filmband zum Patent anmeldeten.

 

Diese in den Grundzügen noch heute beibehaltene Anordnung verdankt ihren weiteren Ausbau dem Deutschen Oskar Messter in Berlin. Er war es auch, der im Zeitraum von 1896 bis 1903 das erste brauchbare Tonbild-Verfahren zur gleichzeitigen Vorführung von Bild und Ton mit Hilfe eines Phonographen schuf. (Nadeltonfilm.) Bald wurden auch Filmbänder zur Aufzeichnung von Schallwellen verwendet. Man nannte dies das Triergon-Verfahren, das zwischen 1918 bis 1923 von den deutschen Physikern Hans Vogt, Josef Masolle und Josef Engl entwickelt wurde. Ihm folgte das Lichttonverfahren, das sich der bei den Radiogeräten gebräuchlichen Verstärkerapparaturen bediente, Berlund in Schweden, Poulsen und Petersen in Dänemark und Lee und Forest in Amerika sind seine Väter. Die im Jahre 1929 einsetzende Umstellung des stummen auf den tönenden Film war im wesentlichen 1933/ 34 abgeschlossen.

 

Aber die Entwicklung war und ist noch nicht zu Ende. Der farbige Kinofilm verdankt sein Werden der Erfindertätigkeit in den verschiedensten Ländern. Praktisch durchgesetzt haben sich die amerikanischen Technicolor- und Kodachrom-Verfahren sowie das deutsche Agfacolor-Verfahren. Worauf wir noch warten, ist der plastische Film. Er steckt noch in den Kinderschuhen, und fast alle Kulturländer liegen hier in einem verborgenen zähen Wettrennen. Noch wären bei Einführung der bis jetzt erarbeiteten Methoden kostspielige Neuanschaffungen der Kinotheater erforderlich, doch wird die nahe Zukunft zeigen, wer aus dem friedlichen Wettbewerb der Nationen als Sieger hervorgeht.

 

So wurde die Photographie, so die Kinematographie. Aber beide Zweige des Lichtbildwesens haben von jeher nicht nur der Entspannung und Unterhaltung, sondern von Beginn an auch technischen, volkswirtschaftlichen und sozialen Zwecken gedient. So wurden bereits 1840 in Wien und Paris Tiefätzungen und Drucke unter Zuhilfenahme von Daguerreotyp Platten durchgeführt, denen 1844 Talbot die Wiedergab von Druckschriften, Zeichnungen und Bildern folgen liess. In Paris wurde bereits 1841 von Kriminalisten eine systematische Verbrecher-Photographie eingeführt, und im gleichen Jahre fertigten Astronomen Aufnahmen der Gestirne auf Daguerreotyp Platten an. Geologen nahmen 1856 Aufnahmen des Meeresgrundes mit Hilfe einer unter Wasser versenkbaren Camera vor, und Archäologen vervielfältigten schon 1845 in Rom alte, schwer entzifferbare Handschriften. Das heute hochentwickelte Luftbild hat seine ersten Vorläufer in Aufnahmen, die 1858 in Paris vom Fesselballon aus erfolgten. In der Medizin wurden bereits 1852 orthopädische Krankheitsfälle auf photographischem Wege dokumentarisch belegt, während die 1871 von den Deutschen belagerten Pariser Telegramme auf mit photographischer Emulsion beschichteten Zelluloidplättchen winzig verkleinerten und durch Brieftauben, in Kapseln unter den Flügeln versteckt, hinaustragen liessen.

 

In diesen einzelnen, willkürlich herausgegriffenen Beispielen aus der Frühzeit der Photographie sind die Keimzellen für ihre Anwendung auf Gebieten zu erkennen , die weit ausserhalb der Amateur- und Fachphotographie liegt und derem segenreichen Wirken im heutigen Leben diese Schrift gewidmet ist.